Tür IV

 

Wann immer sie an der Tür zwei Stockwerke unter ihrer Wohnung vorbei ging, blieb sie kurz stehen und schnüffelte. Sie musste jedes Mal dabei über sich selbst lachen, aber sie konnte nichts dagegen tun. Einmal hatte sie der Nachbar von gegenüber erwischt und sie hatte so getan als suche sie dringend etwas in ihrer Handtasche. Aber was war schon dabei, wenn sie einfach nur riechen wollte? Denn jedes Mal roch es anders aus dieser Wohnung. Nach gebrannten Mandeln, nach Erde auf die gerade Regen gefallen ist, nach Wald und Pilzen, nach dem Atlantik, nach Zuckerwatte und Autoscooter und einmal sogar noch Schnee. Wer in der Wohnung lebte, wusste sie nicht – sie hatte ihn noch nie gesehen. Aber das war nicht ungewöhnlich, schließlich wohnten sie in einem Hochhaus in einer der größten deutschen Städte. Es war schon ein Glück, wenn man genau den Nachbarn kannte, der neben einem wohnte und ab und an mal ein Paket annahm.

Heute blieb sie wieder vor der Tür stehen und nahm einen ganz besonders tiefen Zug. Es roch nach Sonnenmilch, Chlor und Pommes. Sie lächelte und schloss die Augen. Ein Tag im Freibad, danach roch es! Sie öffnete die Augen wieder. Vor dem Fenster im Treppenaufgang konnte sie die Schneeflocken sehen, die wild durcheinander wirbelten und sie spürte, dass ihre Füße kalt waren. Aber das machte gar nichts, denn hier im zweiten Stock roch es nach Sommer.