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Es werden Posts vom Oktober, 2021 angezeigt.

Abschied II

  Abschied. Sie sagte das Wort so lange in ihrem Kopf bis es ganz seltsam klang. AbschiedAbschiedAbschiedAbschiedAbschiedAbschiedAbschiedAbschiedAbschiedAbschied Und dann noch: Abschied nehmen. Was nahm man sich denn da? Man ging weg, verließ einen Menschen, eine Katze, einen Ort und was nahm man mit? Traurigkeit, Sehnsucht, Heimweh. Sie schüttelte sich als könne sie das Wort aus sich herausschütteln. Vor ihrem Fenster hatten sich Elstern versammelt, die laut und durchdringend krächzten. Zuhause sah sie vielleicht mal eine Elster, manchmal zwei. Hier waren es gleich fünf oder sechs und sie machten Lärm als seien sie 500. Elster. Wen sie das Wort ganz oft hintereinander in ihrem Kopf sagte, klang es auch seltsam. ElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElsterElster. Ob es dafür einen extra Schalter im Gehirn gab? Wenn man zu oft ein Wort wiederholte, dass es automatisch seltsam klang und man es deshalb erst einmal lange Zeit nicht

Abschied I

  Ihre Füße gruben sich in den feinen Sand. Die Sonne brannte auf sie herunter, ihre Haut war mindestens so heiß wie der Sand unter ihren Fußsohlen. Ihr Blick ging gerade aus – hinaus aufs Meer. Sie sah Wellen, die sich auftürmten, um dann krachend und donnernd am Ufer zu brechen. Das Geräusch hallte in ihren Ohren, ihrem Körper wider, es übertönte die Möwen am Himmel und die Gedanken in ihrem Kopf. Weiter draußen glitzerte das Meer als habe jemand einen Topf mit goldener Farbe ausgeschüttet. Sie holte tief Luft, roch das Salz, schmeckte das Salz auf ihrer Zunge. Der Wind zerrte an ihr, zerzauste ihre Haare, wollte sie vom Ufer wegtreiben und dann doch wieder hinausziehen aufs Meer, er war genauso unentschlossen wie sie selbst. Oder war er wütend, weil sie sich weder in die eine noch die andere Richtung bewegte? Sie breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Jetzt sah sie nur noch den blauen Himmel über sich, reines blau, keine Wolke, kein Kondensstreifen, der den Himm

Wald

  Sie lag im Bett und obwohl das Fenster geöffnet war, fiel kein Licht von draußen herein. Der Himmel war bedeckt, er ließ kein Mondlicht durch. Die nächste Ansiedlung war Kilometer entfernt und dann war auch noch das Blätterdach über ihr. Sie lag auf dem Rücken, die Augen weit aufgerissen und dennoch konnte sie nichts erkennen: Es war so finster als hätte sie ein großer Fisch verschluckt. Oder: Ein Bär. Das passte besser zu dem Ort, an dem sie sich tatsächlich befand – einem Baumhaus in einem Wald. Es hatte nach einer guten Idee geklungen, hier zu übernachten. Nach Abenteuer, Freiheit und Romantik. In dem Wald zu schlafen, in dem sie sonst spazieren ging und ihre Akkus auflud – in einem kleinen Haus hoch über dem Boden, fest verankert in einer Eiche. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so dunkel sein würde. Wie sollte sie da schlafen? Sie hörte den kleinen Fluss, der vor ihrem Baumhaus vorbei führte, leise rauschen. Er führte mehr Wasser als gewöhnlich, denn es hatte in den let